Carmen steht vor der Tür in dem kleinen Zimmer, zumindest glaubt sie das. Tiefe Dunkelheit umgibt sie. Als wenn sie die Freiheit hätte, irgend etwas zu entscheiden! Allein dieser Gedanke versetzt sie wieder in Rage; sie ballt ihre Hände zu Fäusten.
»Lass es!«, warnt Claudia. »Provozier' ihn nicht!« Carmen weiß, was dann passiert. Sie will reden, und zwar nur mit IHM. Sie vermeidet es, seinen Namen zu nennen; das hat er ihr verboten. Er hat ihr untersagt, ohne Aufforderung zu sprechen. Sie weiß auch, was andernfalls geschieht. Ihre Pobacken schmerzen noch vom letzten Mal. Er weiß sehr genau, wie er zuschlagen muss, damit seine Hände keine Spuren hinterlassen und trotzdem der Schmerz heiß wie eine Brandwunde pocht. Trotzdem möchte Carmen mit ihm reden. Vielleicht hört er ihr diesmal zu. Vielleicht erkennt er, dass es ein Irrtum ist. Vielleicht, vielleicht, vielleicht ...
Vielleicht ist alles nur ihre eigene Schuld. Schließlich war es ihre eigene Entscheidung, die sie hierher geführt hat. Sie verflucht sich und ihre Naivität; nicht zum ersten Mal. Hatte sie nicht aus dem Dorf in die große, weite Welt gewollt? Hätte sie es ahnen müssen? Gab es Zeichen, etwas, das sie übersehen hat? Oder war es tatsächlich am Ende nur ein Irrtum? Ein dummer, dummer Irrtum ...
Sie knallt die Faust gegen die Tür. Einmal, zweimal. Herrgott, irgendwann muss er doch aufsperren! »Lass es!«, mahnt Claudia erneut. Sie presst die Worte zwischen ihren Lippen hervor, als solle niemand mitbekommen, dass sie redet.
»Warum sperrt er uns gemeinsam in ein Zimmer«, hat Carmen sie vor gar nicht so langer Zeit gefragt, »wenn wir nicht einmal miteinander reden dürfen?«
»Weil es ihm Spaß macht«, hat Claudia flüsternd geantwortet. »Genauso wie es ihm Freude bereitet, dass wir den ganzen Tag nackt auf ihn warten müssen. Und dass wir den ganzen Tag diese verdammten High Heels tragen.«
Kaum dass sie die Worte ausgesprochen hatte, hat er bereits im Zimmer gestanden und sie beide bestraft. Wie er herausgefunden hat, dass sie sich über seine Weisung hinweggesetzt haben, war ihnen schleierhaft.

Wie war es nur so weit gekommen? Eigentlich hatten sie doch nur 'rausgewollt aus der spießigen Enge des Provinzlebens, aus dem langweiligen Blümchensex. Einmal männliche Dominanz und Härte spüren. Und jetzt schienen sie ausweglos gefangen im Kerker eines Psychopathen ...

Das geheime Zimmer

Marterpfahl Verlag, Nehren 2006, Paperback
122 Seiten, Euro 13.50
ISBN 3-936708-26-6

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