Am 1. März 2000 startete der Nischensender RTL 2 ein neues TV-Format: »Big Brother«. 10 junge Leute lassen sich für 100 Tage in einen mit Ikea-Design möblierten Wohncontainer einsperren. 2.400 Stunden absolute Isolation. Kein Fernseher, kein CD-Player, Telefon oder Zeitung.
Kontrolliert von 28 Kameras. Der, der am längsten durchhält, bekommt eine Viertelmillion Mark. Daß Psychologen vor den Problemen, die ausgeschiedene Teilnehmer bekommen, ebenso warnen wie vor dem tiefen Fall ins schwarze Loch danach, stört niemanden. Allenfalls die Politik. Doch ihre Kritik - »Verstoß gegen die Menschenwürde« - verstummt unter dem Druck der Quoten.
Allein 4,7 Millionen Menschen sehen sich Zlatkos Abschied aus dem Haus an - so viele Zuschauer hatte RTL 2 noch nie. Quotenrenner »Sozialporno«. Keine Party, keine Pause in der Schule, in der nicht über John und Jona gesprochen wird, kaum ein Geschäftsessen, kaum ein Kaffeeklatsch, bei dem nicht über Sinn und Blödsinn der Sendung diskutiert wird.
Die Moderatoren Percy Hoven und Sophie Rosentreter sind peinlich? Die Einrichtung des Hauses ist geschmacklos? Naja. Man muß es halt täglich gesehen haben. Doch mit dem »Täglich Sehen« ist es längst nicht getan. Die Truman-Show war nur eine mäßig vorgreifende Kinophantasie. Ein Star ist ein Star ist ein Star. Fragt sich nur wie lange noch. Denn wir leben in einer schnellen Welt. Also muß auch noch der letzte kostbare Tropfen aus der Geldmaschine herausgepreßt werden. Ergebnis: Die Show ist schon bald nach ihrem Start Teil der Kult-Kultur. Aus gutem Grund: »Big Brother«, das ist nicht Fernsehen, sondern das richtige Leben. Hier sind nicht alle Menschen Schönheiten, sie machen auch nicht ausschließlich aufregende Sachen. Aber genau das finden viele Zuschauer beruhigend: Sie sehen, daß andere Menschen genauso normal sind wie sie selbst.

Eigentlich hat alles begonnen im Jahr 1949. »Der große Bruder sieht alles« ist einer der bis heute wichtigsten, beängstigenden Sätze aus der Dystopie »1984« von George Orwell. Der Autor muß ein hellsichtiger Mensch gewesen sein. Fünfzig Jahre danach hat sich vieles aus seinem Buch erfüllt.
Zwar nur im Fernsehen, aber Orwells düstere Vision vom »Big Brother« lebt! Dabei sind Reality-Dokus in der Glotze längst ein alter Hut. Mit Web-Cams lud Jennifer Ringley schon 1996 täglich 1,5 Millionen Besucher virtuell in ihre Wohnung. Mit »Traumhochzeit« etablierte der niederländische Produzent John de Mol seine erste Vorstellung von Alltags-TV.
Damals wollte sich darüber noch niemand beschweren. Stattdessen wurde Rotz und Wasser geheult in Deutschlands Wohnzimmern. Doch der Weg zum »Big Brother« war damit vorgezeichnet. Das Buch »Big Brother & Co« schildert den phänomenalen Erfolgsweg der Container-WG. Angefangen bei der niederländischen Version 1999 über den viel kritisierten Deutschland-Start auf RTL 2 bis hin zum unglaublichen Erfolg von Zlatko, Jürgen und Christian, dem Nominator.
Das Buch zeigt aber auch, wie die Reality-Soaps das Fernsehen verändert haben. Wie aus der ablehnenden Haltung der anderen TV-Sender breite Zustimmung wurde. Der Maulwurf, Expedition Robinson, Deine Band, Popstars, Girlscamp und viele mehr - der Erfolg von »Big Brother« hat eine wahre Flut an Ripp Offs hervorgerufen. Selbst für die einstigen Kritiker, Politiker, hat sich das Reality-Fernsehen als Werbeplattform etabliert. In Deutschland wird gelebt! So wie Du Dich fühlst.

Big Brother-TV

Wie Reality-Soaps das Fernsehen verändern

Vergriffen.

Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001, Paperback
256 Seiten, Euro 15.90
ISBN 3-89602-357-8

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