1835 waren es die gelehrten Verfasser des »Dictionnaire de l’Académie«, die die Prostitution als »völlige Hingabe zur Unzucht« definierten. Bücher wie »Ecole de biches« und »Josefine Mutzenbacher« oder Filme wie »Das gelbe Haus am Pinnasberg« und »Pretty Woman« wollen uns weismachen, das Geschäft mit dem Körper entspringe der Liebe, Lust und Leidenschaft – und am Ende lächele der Traumprinz aus dem Sonnendach des schneeweißen Cadillacs. Die Realität sieht anders aus! Zwischen rationalem Sex und absonderlichen Freierwünschen bleibt wenig Platz für Gedanken und Emotionen. Nach Schätzungen vom Prostituiertenprojekt Hydra arbeiten 400 000 Frauen (und Männer) täglich zwischen Hamburg und München, Köln und Frankfurt/Oder. Die wenigsten haben eine Altersversicherung oder irgendeine andere Absicherung, und das, obwohl sie mit der »schnellen« Nummer am Straßenstrich, im klassischen Bordell, im Eros-Center oder dem Begleitservice übers Wochenende zusammen knapp 6 Milliarden Euro Jahresumsatz herbeischlafen, so viel wie mancher Konzern.

»Das Lexikon der Prostitution« gibt einen Überblick über die Geschichte: Angefangen in Chaldäa, der alten Wiege des Menschengeschlechts und ihrer gastlichen Prostitution, über die Freudenhäuser des 19. Jahrhunderts bis hin zur Laufarbeit im Eros-Center. Das Buch klärt auf, was es beispielsweise mit dem Prostitutionsgesetz vom 1. Januar 2002 auf sich hat. Das Lexikon stellt wichtige Vereine und Institutionen vor: Die Beratungsstelle Hydra, das Frauenprojekt Kassandra oder den jüngst gegründeten Bundesverband Sexueller Dienstleistungen e.V. Es stellt deren Initiatoren vor, die Bordellbetreiberin Felicitas Weigmann oder die Vorreiterin in Sachen Hurenrecht, Stephanie Klee, übrigens die erste Prostituierte, die einen Kunden auf den vereinbarten Lohn verklagte – und den Prozess gewann. Natürlich werden auch Rotlicht-Größen vorgestellt. Domenica, die bekannteste Hure Deutschlands, Willi Bartels, der König von St. Pauli, oder Erwin Ross, der Rubens vom Kiez. Überhaupt: Was bedeutet Kiez eigentlich? Ist das der Straßenstrich? Ein Eros-Center? Und wo liegt der Unterschied zwischen Bordell, Puff und Club? Das Buch erklärt Fachtermini: Wer hat Blockschulden? Was schiebt eine Falle? Wer kobert? Was heißt sakrale Prostitution? Und wieso sind Ausdrücke wie Hurenbock oder Hurensohn täglicher Sprachgebrauch? »Das Lexikon der Prostitution« ist aber mehr als nur ein Nachschlagewerk. Beteiligte kommen in einfühlsamen Interviews zu Wort und ermöglichen so einen emotionalen Blick hinter die Kulissen des Sex-Gewerbes.

Lexikon d. Prostitution

Die käufliche Liebe in Kultur, Gesellschaft und Politik

Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003, Taschenbuch
736 Seiten, Euro 14.90
ISBN 3-89602-520-1

Impressum