Derek Nikitas: Scheiterhaufen
Radikal geht anders

ScheiterhaufenDas Beste vorab: Der US-Autor kann schreiben, und zwar ziemlich gut. Sein Plot und die Figurenzeichnung dagegen weisen Mängel auf.

Derek Nikitas’ Erzählstil ist einnehmend, opulent, dank einer ungezählten Fülle an Sprachbildern fast schon literarisch. Oder »poetisch«, wie der Verlag zu Recht im Klappentext anpreist. Eigentlich keine schlechte Ausgangsbedingung für den jungen Autor, um den Lesern einen tiefen Einblick in die Psyche seiner Protagonisten zu verschaffen. Es gibt nur ein Problem: So richtig realistisch gelingen ihm die Figuren nicht. Obendrein sind sie mit allerhand Klischees behaftet.

Tanya zum Beispiel, ein vom Leben und den Männern vernachlässigtes Unterschichten-Girl, das schwanger ist vom Taugenichts Mason Reynold, dessen größter Traum die Mitgliedschaft im örtlichen Rockerclub ist. Tiefstes Prekariat also, das sich wie gewohnt rücksichtslos und brutal am Leben hält – aber erstaunlicherweise denken und reden kann wie nach einem sechsjährigen Studium der Geistenswissenschaften. Glaubwürdig ist was anderes.

Nicht anders verhält es sich mit Greta, eine Polizistin, die an ihrem Dienst, der Brutalität, den vielen Toten zerbricht, darüber ihre Familie vernachlässigt, dies zutiefst bedauert, sich aber trotz aller Bemühungen nicht zu helfen weiß. Hat man ja auch schon alles irgendwie anderswo gelesen, als dass man eine solche Figur noch ernst nehmen könnte (und wollte).

Ausgerechnet diese Greta soll nun den Mord am Literaturprofessor Oscar Moberg aufklären. Er wurde bei einem Raubüberfall erschossen, vor den Augen seiner 15jährigen Tochter Lucia. Wenn man so will: Das junge Mädchen ist selber Schuld am Tod ihres Vaters, denn sie war es, die ihn darum gebeten hat, sie zum Einkaufszentrum zu fahren, wo sie für ihre Freundin eine CD aus dem Musikshop stehlen wollte. Doch kaum war der Tonträger in ihrer Jackentasche verstaut, packte Lucia das schlechte Gewissen und sie drängte ihren Vater, sie wieder heimzufahren. Als er den Wagen vom Parkplatz lenkte, wartete dort der Mörder.

Vielleicht hätte Derek Nikitas gut daran getan, es bei Lucia als einziger Heldin seiner Geschichte zu belassen. Sie ist ein Teenager wie jeder andere, launisch, rebellisch, schwärmt für den Nachbarbuben Quinn, den ihre Mutter Blair nicht ausstehen kann. Überhaupt ist ihr Verhältnis zur Mutter gespannt. Ohne Zweifel wäre es jetzt interessant zu lesen gewesen, wie Lucia mit der Gewalt und dem Tod, die unverhofft in ihr Leben platzten, umzugehen lernt, damit wächst – oder im schlimmsten Fall daran scheitert. »Scheiterhaufen« wäre eine bewegende Coming-of-Age-Geschichte geworden.

Unglücklicherweise hat der Autor versucht, Lucias Geschichte zusammen mit der unglücklichen Polizistin Greta sowie den tumben Taugenichtsen Tanya und Mason in ein Thriller-Gewand zu hüllen. Doch dafür ist der Plot, der bei einem Thriller nun einmal von ebensolcher Wichtigkeit ist, zu dünn geraten. Die Mordmotive und die eigentlichen Hintermänner sind für jeden halbwegs gescheiten Krimileser schon nach ein paar Dutzend Seiten auszumachen, das Finale dementsprechend wenig überraschend.

Zwar versucht sich Nikitas wiederholt an Storytwists, die insbesondere auch die Actionschraube anziehen (sollen), doch leider verlässt er sich dabei zu sehr auf die nordischen Mythen, die Lucia als Kind von ihrem Vater erzählt bekommen hat und die bis heute in ihrem Bewußtsein nachwirken. Das raubt der Geschichte schlußendlich auch den letzten Rest Glaubwürdigkeit.

So sieht Lucia zum Beispiel eines Abends, wenige Tage nach dem Tod ihres Vaters, einen kleinen Gnom durch ihr Zimmer huschen. Natürlich ist das nur ein Produkt ihres verzweifelten, trauernden Verstandes, eines jener Wesen, die ihr Vater mit seinen Geschichten in ihrer Phantasie zum Leben erweckte. Aber jetzt treibt sie diese Phantasie – ausgerechnet! – in die Waschküche, wo sie ein unter dem Trockner verstecktes Kuvert mit einem Geldbündel entdeckt.

Noch viel fadenscheiniger aber ist die wundersame Heilung ihrer Kurzsichtigkeit. Als die Bösewichter Lucia entführen, verliert sie unterwegs ihre Brille. Doch in dem Augenblick, in dem es darauf ankommt, schwappt die Erinnerung an die alten, nordischen Mythen über Lucia hinweg. Plötzlich sieht sie klar, kann eine Pistole ergreifen, ihre Gegner niederschießen, sich aus ihrer Gefangenschaft befreien, nur um gleich darauf wieder von ihrem alten Augenleiden befallen zu werden.

Was wirklich verwundert: Derek Nikitas hat seinen Master in Creative Writing gemacht und unterrichtet heute in diesem Fach. Aber seinem Debüt geht jede Originalität ab – für einen Thriller zu dünn, für eine anrührende Entwicklungsgeschichte zu unrealistisch. Einzig die anmutige Sprache des Autors rettet »Scheiterhaufen« einigermaßen.

Derek Nikitas
Scheiterhaufen
(Pyres)
Knaur 2012, 432 Seiten, Euro 9.99

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