Titus Müller: Tanz unter Sternen
Die Hoffnung geht baden

Tanz unter SternenSchon wieder die Titanic-Geschichte … ist so etwas lesenswert? Ja, durchaus. Denn manchmal gibt es eben doch noch Bücher, die für eine Überraschung gut sind.

Titus Müller hat sich inzwischen eine große Fangemeinde erschrieben, mit aufwendig recherchierten, opulenten Mittelalterschmökern. »Tanz unter Sternen«, sein jüngstes Werk, ist ebenfalls ein historischer Roman, der die Uhr allerdings nur um 100 Jahre zurückdreht; zur Jungfernfahrt der Titanic nämlich.

Dem Titanic-Mythos noch etwas Neues hinzufügen – geht das überhaupt? Ja, sehr gut sogar, indem der Autor seinen Fokus nicht auf das inzwischen sattsam bekannte Eisbergdrama richtet, sondern auf die Geschehnisse, die die Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts veränderten: die industrielle Revolution, der Wettlauf der Nationen um die Vormacht, ihr militärisches Säbelrasseln, das dann mit dem Ersten Weltkrieg einen vorläufigen Höhepunkt fand.

Die Titanic wählt Müller nur als einen von vielen Gigantismen, mit denen die Großmächte einander zu beeindrucken versuchten. Vor diesem Hintergrund widmet er sich dem Leben der »einfachen Leute«, die fernab der großen Politik ihre ganz eigenen Probleme haben – die sich im Grunde nicht von den heutigen unterscheiden:

»Heute hängt alles aneinander, mit Schienen, Gasleitungen, Telegraphenkabeln und Elektrizitätskabeln, eine Menge Sachen, die ich nicht mehr verstehe. So war das früher nicht. Da war man mehr für sich.”
“Fanden Sie es damals besser?«
»Ach, wissen Sie, jede Zeit hat ihre Bürden. Jetzt bringen diese neuen Kühlschiffe Fleisch aus Neuseeland und Argentinien, und es gibt bezahlbaren Kaffee und Südfrüchte, die wir früher nicht hatten.«
»Das ist doch gut.«
»Ja, aber in den Städten stört überall diese Leuchtwerbung. Die ist gräßlich, finden Sie nicht? Und alles muss schnell gehen, man kommt kaum hinterher, schnellschnell an der Kasse, schnellschnell am Bahnsteig. Die Kinder wollen nicht mehr Polizist werden, sondern Rennfahrer … Für die Liebe und für Freundschaften hat heute keiner mehr Zeit.«

Da ist zum Beispiel die junge Nele, die im legendären Wintergarten Berlins als Barfußtänzerin scheitert. Was nun, in einer Stadt, die keine Zeit mehr zu haben scheint für die Muse – und auch für die Liebe? Denn zur gleichen Zeit geht die Ehe von Pastor Matheus in die Brüche. Seine Ehefrau Cäcilie, die aus reichem Hause stammt, ist unzufrieden mit der Armut ihres Mannes.

Da kommt ihnen allen die Titanic gerade recht, deren Jungfernfahrt nach Amerika führen wird. Eine Reise wie ein großes Versprechen – auf einen Neuanfang in einer neuen Welt. Doch endlich an Bord des riesigen Liners, lässt sich Cäcilie vom Lebemann Tyndal umgarnen, der in Wahrheit ein britischer Spion ist und ein ganz anderes Ziel verfolgt als eine Liebelei. Derweil wird auch Matheus’ Glaube auf eine harte Probe gestellt, als er der verführerischen Nele begegnet.

Und während die Titanic sich unaufhaltsam ihrem Ziel zu nähern scheint, zerbrechen nach und nach all die schönen Träume ihrer Passagiere, und es ist nur konsequent, dass auch das Schiff, das Symbol ihrer Hoffnungen, an einem Eisberg zerschellt.

Der eigentliche Titanic-Untergang nimmt dann nur ein Drittel des Buches ein, das mit nicht einmal 400 Seiten erfreulicherweise nicht an die Mächtigkeit üblicher Historienschinken heranreicht. Auch das sprachlich ausgereifte, packende Gewand, in das Titus Müller seinen Roman kleidet, hebt ihn von der Vielzahl anderer Genretitels ab.

»Tanz unter Sternen« ist zweifellos Unterhaltung auf hohem Niveau. Als kleine Zugabe bietet der Autor zum Schluß noch ein umfangreiches Nachwort, in dem er kundig über die Mythen und Fakten der Titanic berichtet.

Titus Müller
Tanz unter Sternen
Blessing 2011, 400 Seiten, Euro 19.95

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