Interview mit Judith Merchant
Miss Marple reloaded

Judith MerchantWie aus dem Nichts war sie 2009 plötzlich da: Judith Merchant, die vom Syndikat, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren zurecht den Glauser Preis erhielt für ihre überraschende wie rasante Krimikurzgeschichte »Monopoly«.

2011 machte die 1976 in Bonn geborene Autorin das Double perfekt: Ihre Short Story »Annette schreibt eine Ballade« wurde erneut mit dem Glauser ausgezeichnet. Was für ein Talent! Dementsprechend hoch waren allerdings auch die Erwartungen an ihren ersten Roman, der für das gleiche Jahr angekündigt worden war. Doch mit »Nibelungenmord« stellte Merchant klar: Sie kann auch lang!

In diesen Tagen ist mit Loreley singt nicht mehr ihr zweiter Krimi erschienen.

Judith, bekannt geworden bist Du mit Deinen Krimikurzgeschichten, die zwei Mal mit dem Glauser ausgezeichnet wurden. Wie schwer war es, jetzt einen Roman zu schreiben?

Judith Merchant: Es war wirklich schwer – einfach, weil das Romanschreiben so entsetzlich lang dauert, bei mir 15 Monate. Für die Kurzgeschichte brauche Nibelungenmordich zwei, drei gute Ideen, die ich dann ausarbeite, und anschließend kann ich endlos lang den Text polieren und die Details aufeinander abstimmen, bis alles passt. Im Roman ist so ein Perfektionismus undenkbar, einfach, weil sich ständig etwas verschiebt und man an vielen Stellen viele verschiedene Möglichkeiten hat und so unzählige Entscheidungen treffen muss. Ich war sehr froh, als der Roman dann endlich fertig war!

Vier Dinge sind mir bei Deinen Krimis aufgefallen: Sie kommen ohne die Grausamkeiten und Perversionen aus, die den Krimi- und Thrillermassenmarkt augenblicklich beherrschen. Auch das Tempo deiner Romane ist erstaunlich entschleunigt. War Dir dies wichtig?

Judith Merchant: Ich habe mich nicht bewusst für langsame Romane entschieden, nein. Es ist aber so, dass mir gerade dieses genaue Hingucken, das Sich-Einfühlen in die Figuren gefällt, ganz gleich, ob als Autorin oder als Leserin. Und die Figuren bieten dann nicht so beliebig viele Möglichkeiten, einfach, weil sie durch diese Innensichten sehr festgelegt sind und nicht mehr alles machen können. Dadurch, dass der Leser die Figuren genau kennenlernt, spürt er, dass es nicht sein kann, dass eine Figur sich beispielsweise auf der letzten Seite als Spionin oder Serienkillerin entpuppt. Ich muss also jeder Figur ihre Licht- und Schattenseiten geben und diese dem Leser zeigen – und ihn dann innerhalb dieser Möglichkeiten trotzdem noch überraschen.

Auch die Errungenschaften der modernen Kriminaltechnik spielen bei Dir keine große Rolle. Entscheidende Hinweise geben ausgerechnet Bücher. Wieso das?

Judith Merchant: Kriminaltechnik interessiert mich einfach nicht so sehr. Ich habe zwar mit fliegendem Kugelschreiber in der Rechtsmedizin gesessen und mir alles mögliche notiert, aber zu Hause am Schreibtisch habe ich festgestellt, dass diese Elemente für die Geschichten, die mir einfallen, nicht taugen. Trotzdem habe ich Spaß daran, zum Beispiel die Einzelheiten der Todesursache für »Loreley singt nicht mehr« zu recherchieren und mir dann die genaue Verteilung der Leichenflecken aufzuzeichnen – aber es ist im Endeffekt trotzdem nicht so wichtig für das Buch.
Was mich hingegen interessiert, sind Literaturrätsel. Ich denke häufig über Details in Büchern nach, die ich gelesen habe, und in Gesprächen stelle ich fest, dass es anderen ähnlich geht. Bei Gesprächen mit Buchhändlern hat sich dann ein bisschen herauskristallisiert, dass es bestimmte Leser-Typen gibt – wie im »Nibelungenmord« die »typische Donna-Leon-Leserin«. Das wollte ich verfolgen.

Loreley singt nicht mehrRichtig: In »Nibelungenmord« sind es die Gesammelten Krimiwerke von Donna Leon. In »Loreley singt nicht mehr« ist es ein historischer Thriller von Ken Follett, der den entscheidenden Hinweis gibt. Warum ausgerechnet diese beiden Autoren?

Judith Merchant: Donna Leon finde ich so spannend, weil sie diese riesige Leserschaft hat (zu der ich auch gehöre). Ihre ersten Romane haben eingeschlagen wie eine Bombe, und irgendwie halten ihr die Leser die Treue. Ich habe in vielen Gesprächen den Eindruck gewonnen, dass fast alle ihre Leserinnen die Anfangsbücher am liebsten mögen, von den neuen hingegen enttäuscht sind – und trotzdem jedes neue Buch am Erscheinungstag kaufen. Das finde ich spannend. Ich habe mich gefragt: Wie kommt das? Das Ergebnis habe ich dann im »Nibelungenmord« beschrieben.
Bei Ken Follett ist es anders. Ich habe mir einfach diesen bestimmten Mann vorgestellt, der einige Tage in einem Hotelzimmer verbringen muss, und mich gefragt, was für ein Buch er wohl kaufen würde. Der Mann ist Gelegenheitsleser, in einem typisch männlichen Beruf tätig und er braucht dringend etwas Unterhaltung. Und da war klar: Ken Follett. Gernot Schirner war für mich ein typischer Ken-Follett-Leser, ebenso wie Margit eine typische Donna-Leon-Leserin ist.

Eigentlich hätte ich mit Büchern von Agatha Christie gerechnet, die die entscheidenden Hinweise geben. Immerhin ist Edith Herzberger, die Großmutter des ermittelnden Kommissars Jan Seidel, ein amüsantes Abbild von Miss Marple: Sie schnüffelt allem hinterher, und keiner glaubt ihr, sobald sie etwas herausgefunden hat. Was bedeutet Dir Miss Marple – und Agatha Christie als ihre Schöpferin?

Judith Merchant: Anfangs wollte ich tatsächlich Elemente aus Agatha Christies Romanen verwenden, ich liebe ihre Plots! Das Problem war aber, dass die Plots sehr verwickelt sind und dass aus den vielen Wendungen keine besonders hervorsticht – zumindest nicht so, dass ich sie beim Leser voraussetzen kann.
Miss Marple bedeutet mir viel – ich liebe die Bücher, ihre altjüngferliche, etwas umständliche Art und diese spezielle Atmosphäre, die sie umgibt. Und ich habe mich gefragt, warum es eigentlich so wenig ermittelnde Omas in der Literatur gibt. Da es bei und in Königswinter sehr viele Rentner gibt, war die Idee von Edith Herzberger schnell geboren.

Als Drittes ist mir aufgefallen, dass Du Dir sehr viel Zeit für deine Figuren nimmst, dabei bisweilen sogar die eigentliche Krimihandlung in den Hintergrund tritt …

Judith Merchant: So ist es. Für mich findet die eigentliche Krimihandlung »innen« statt – bei der Frage, was einen Menschen zum Mörder werden lässt. Und diese Frage kann ich nur beantworten, wenn ich nah an meine Figuren herangehe. Das »warum« bei einem Mord ist für mich wichtiger als das »wie«, das etwa in den extrem blutigen Romanen eine Rolle spielt, oder das »wer war es« bei Agatha Christie.

Wo wir bei Deinen Protagonisten wären, und damit viertens, insbesondere die weiblichen Figuren fallen dabei ins Auge: In beiden Romanen sind es Frauen, die sich einerseits in ihrer Mutterrolle gefallen, andererseits Frauen, die dagegen aufbegehren. Immer wieder fließen die Themen Frau-Mann, Geschlechterrollen, Rollenverständnis in Deine Geschichten ein. Ein Zufall?

Judith Merchant: Nein, kein Zufall! Ich habe mich schon in meiner Doktorarbeit intensiv mit Geschlechterrollen beschäftigt und finde, das ist ein spannendes Thema, eben weil man daran sehr viel über gesellschaftliche Verhältnisse ablesen kann. Außerdem ist es ein Thema, das Menschen immer wieder mit sich selbst und ihrer Umwelt in Konflikt bringt, und das braucht man ja im Krimi.
Ich finde übrigens, dass ich mich im »Nibelungenmord« auch mit Männerrollen auseinandergesetzt habe, ganz so einseitig bin ich da gar nicht …

Würdest du deine beiden Romane deshalb auch nicht als Regionalkrimis bezeichnen wollen? Grundsätzlich: Bist du glücklich mit dem Etikett Krimi?

Judith Merchant: Mit dem Etikett »Krimi« bin ich absolut zufrieden! Ich mag Spannung, und ich finde, dass jeder gute Roman ein Rätsel haben muss, beides ist im Krimi gegeben.
Diese Frage nach »Regio« ist schwierig zu beantworten, weil darunter jeder etwas anderes versteht. Ich habe kein Problem damit, wenn man mich als Regioautorin bezeichnet, ich verstehe, dass der Handel die Bücher irgendwie einsortieren muss, ich sehe mich aber eigentlich nicht so.

Könnten Deine Geschichte auch andernorts spielen? Immerhin, die lokalen Gegebenheiten Königswinter, Drachenfels, Loreley sind ja für den Plot nicht ganz unwichtig …

Judith Merchant: Nein, das könnten sie ganz bestimmt nicht! Für meine ersten beiden Romane ist die Gegend ganz entscheidend. Einmal, weil sie mich inspiriert, aber auch, weil sie, wie Du sagst, für den Plot wichtig ist. Vor allem habe ich aber durch diese lokalen Sagen einen Subtext, den ich brauche.
Hm. Vielleicht bin ich dann doch eine Regioautorin …?


 
 
 



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