Jussi Adler-Olsen: Verachtung
Mehr als nur ärgerlich

VerachtungLang ersehnt und jetzt sogar im Hardcover – und trotzdem nur ein ganz großes Ärgernis. Der neue Roman von Jussi Adler-Olsen.

»Verachtung« ist der vierte Fall von Carl Mørck und seinem kauzigen wie eifrigen Assistenten Assad. Doch es ist zugleich auch der ödeste Einsatz. Und das, obwohl sich ihr Schöpfer redlich um Unterhaltung bemüht. Jede, wirklich jede Aktion seiner Figuren wird von Hauptfigur Carl Mørck mit einem flapsigen Gedanken bedacht. Was sich anfangs ganz amüsant liest, nervt spätestens auf Seite 20, denn durch diese ständige, bemühte Witzigkeit gerät die Handlung nahezu jeden zweiten Absatz ins Stocken.

Wofür im übrigen auch die Dialoge sorgen: »Okay«, antwortet Carl Mørck mit Betonung auf dem letzten Vokal, wie Adler-Olsen zu betonen weiß. Derweil leidet Carls Assistent Assad an einem Schnupfen und schnauft, schnieft, niest, tropft oder – jetzt kommt’s! – spricht mit nasal gedämpften Konsonant.
Hier ist entweder beim Autor Adler-Olsen der Oberlehrer durchgegangen, oder der Übersetzer lässt ihn raushängen. Nee, beim besten Willen, »Verachtung« bietet alles, aber ganz sicher keinen angenehmen Lesefluß.

Und dann noch die vielen Nebenschauplätze, die Adler-Olsen eröffnet: Carls Probleme mit seiner Geliebten Mona, Carls Probleme mit dem Durchfall, Carls Probleme mit seiner Ex-Frau und deren neuen Geliebten Gurkenmeyer – immer wieder zähes, überflüssiges Geplänkel. So wie dieses, das die durch ihre schizophrenen Schübe wohlbekannte, unsägliche Rose eröffnet:

»… Und in dem Zusammenhang will ich noch mal darauf hinweisen, das ihr, wenn ihr das Frauenklo benutzt, anschließend gefälligst die Brile wieder unterklappt, wenn ihr schon unbedingt im Stehen pinkeln müsst.«
»Warum das?«, fragte Assad. Und schon kannte man den Sünder.
»Wenn du wüsstest, wie oft ich diese Diskussion schon geführt habe, Assad, dann würdest du jetzt lieber Däumchen drehend in einem Pfadfinderlager auf Langeland sitzen.«
Assads Gesicht war ein einziges Fragezeichen, und dafür hatte Carl vollstes Verständnis.
»Okay, du sollst deine Diskussion haben. Du klappst also die Brille nicht wieder runter, nachdem auf Klo warst.« Sie streckte einen Finger in die Höhe. »Erstens: Alle Klobrillen sind auf der Unterseite unappetitlich, weil vollgespritzt. Manchmal sogar sehr. Zweitens: Wenn Frauen reinkommen, müssen sie die Brille anfassen, ehe sie sich hinsetzen. Drittens: Das ist unappetitlich, weil man dann Pinkelbakterien an den Fingern hat, wenn man sitzt und sich selbst abwischen will. Absolut unhygienisch. Aber du hast ja vielleicht noch nie von Unterleibsentzündungen gehört? Viertens: Unsereins muss sich zweimal die Hände waschen, nur weil zu zu faul zum Runterklappen bist. Ist das unzumutbar? Nein!« Sie stemmte die Fäuste in die Seiten. »Wenn du nun die Klobrille sofort nach dem Pinkeln runterklappst, dann passt das doch, weil du dir nach dem Pinkeln eh die Hände wäschst. Hoffentlich jedenfalls.«
Assad dachte einen Moment nach. »Meinst du, es wäre besser, wenn ich die Brille hochklappe, ehe ich pinkle? Dann muss ich ja die Hände waschen, noch ehe ich anfange, denn wer bekommst sonst Pinkelfinger?«
Da reckte Rose wieder die Zählfinger in die Höhe. »Erstens sollt ihr Männer genau aus diesem Grund im Sitzen pinkeln. Zweitens: Wenn ihr meint, das sei unmännlich und ihr seid zu fein dazu, dann denkt einfach daran, dass Männer nicht nur eine Blase, sondern auch einen Darm haben und sich schon von daher ab und zu hinsetzen müssen, nämlich um zu scheißen. Und da muss die Brille unten sein. Ich gehe davn aus, dass ihr nicht im Stehen kackt.«
»Wenn gerade vor uns eine Dame drauf war, müssten wir das Ding ja gar nicht runterklappen. Dann ist es ja unten«, sagte Assad.

Solche Diskussionen ziehen sich wie ein roter Faden so sinnlos wie langweilig durch das Buch, und machen die Kriminalhandlung nicht nur unnötig lang, sondern auch noch schlechter, als sie ohnehin schon ist: Da hilft es nicht, dass Adler-Olsen ein schreckliches Unrecht der dänischen Vergangenheit zu enthüllen versucht, am Ende ist es nur ein einfacher wie öder Fall von Rache, der für den Leser wenig Überraschungen parat hält, da in einer Parallelhandlung die Lebensgeschichte der Mörderin abgehandelt wird. »Abgehandelt« trifft es ganz gut: Wirklich emotional wird der Werdegang zu keinem Zeitpunkt, infolgedessen auch nur wenig spannend, da man immer genau weiß, was als Nächstes passiert.

Fazit: Ein durch und durch ärgerlicher Roman.

Jussi Adler-Olsen
Verachtung
(Journal 64)
dtv 2012, 539 Seiten, Euro 19.90

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