Tana French
Grabesgrün & Totengleich

Ein Autor und zwei Werke, die unterschiedlicher nicht sein können: Tana Frenchs Debüt »Grabesgrün« gleicht einer spannenden Fahrt mit der Achterbahn, ihr zweiter Roman »Totengleich« dagegen nur einem öden Kaffeekränzchen.

Grabesgrün»Grabesgrün« beginnt furios: Vier Kinder vertreiben sich vergnügt die Nachmittage im Wald von Knocknaree, einem kleinen Dorf bei Dublin – bis eines Abends drei der Kids spurlos verschwinden. Nur eines kehrt mit blutigen Schuhen zurück. Was ist geschehen? Robert Ryan, der Überlebende, aus dessen Perspektive nachfolgend der Roman erzählt wird, fehlt die Erinnerung daran. Er ändert seinen Namen, zieht mit den Eltern weg, fängt ein Studium an, wird Polizist.

Jetzt, 20 Jahre danach, wird er als Detective zurück an den Ort der traumatischen Kindheit gerufen. Auf dem Altar einer archäologischen Ausgrabungsstätte wurde über Nacht die Leiche der kleinen Katy gefunden, ausgerechnet in direkter Nachbarschaft des mysteriösen Waldes. Hat Katys Tod mit dem damaligen Verschwinden der drei Kinder zu tun? Rob möchte die Antwort darauf finden, so wie er endlich auch die Erinnerung an die einstigen Ereignisse wiederfinden möchte, weshalb er seinen Vorgesetzten seine traumatische Vergangenheit verschweigt. Einzig Robs Partnerin Cassie Maddox weiß von Robs schrecklicher Vorgeschichte, aber weil sie zugleich seine beste Freundin ist, unterstützt sie ihn in seinem Vorhaben. Ein fataler Fehler, wie sich zeigt.

Denn es ist zwar packend zu lesen, wie die beiden Detectives fortan bei dem Versuch, inmitten der verschwiegenen Dorfgemeinschaft den Mörder der kleinen Katy zu finden, eine Familientragödie offenlegen. Aber der Mordfall ist im Grunde nur Nebensache, denn noch viel spannender zu verfolgen ist – bei Robs immer verzweifelterem Bemühen, Licht in seine finstere Vergangenheit zu bringen – der schleichende, von zunehmenden Lügen und Misstrauen befeuerten Verfall der Freundschaft zwischen ihm und Cassie. Der erfrischenden Opulenz und der lebendigen Bildsprache, mit der Tana French das verstörte Seelenleben ihres Helden ausbreitet, kann man sich beim besten Willen nicht entziehen. Ein ausgezeichneter Krimi, ein hervorragender Thriller, ein perfektes Drama.

TotengleichDas möchte auch »Totengleich« sein, scheitert aber auf ganzer Linie. Tana Frenchs zweiter Roman wird diesmal erzählt aus der Perspektive von Cassie Maddox, die sich, nachdem die Freundschaft zu Rob endgültig zerbrochen ist, in die Abteilung Häusliche Gewalt hat versetzen lassen. Dort ruft man sie zu einem Mordfall. In einem abgelegenen Cottage auf dem Land wurde eine Frauenleiche gefunden. Nicht nur, dass die Tote Cassie wie aus dem Gesicht geschnitten ist, sie trägt auch jenen Tarnnamen, den Cassie vor Jahren als Undercoverbeamten benutzt hat: Lexie Madison.

Die falsche Lexie Madison lebte mit vier Freunden zurückgezogen in einem alten Herrenhaus. Ist einer dieser Eigenbrötler ihr Mörder? Um dies herauszufinden, aber auch, um zu erfahren, wer ihr Alter Ego eigentlich ist, schlüpft Cassie noch einmal in die Rolle der Lexie und kehrt als vermeintlich Überlebende ins Herrenhaus zurück. Und damit nimmt das Unheil seinen Lauf: Denn die jungen Leute leben dort quasi autark vom Rest der Welt, und ihre einzige Beschäftigung sind tagsüber Tutorenkurse an der Uni, abends im Herrenhaus Kartenspiele, Stickereien, Spaziergänge und gemeinsame Abendessen, bevor sie früh ins Bett gehen.

Gut möglich, dass ein Mörder unter ihnen ist, und dass auch die Freundschaft, die die Eigenbrötler zusammenschweißte, durch Lexies vermeintliche Wiederkehr auf eine harte Probe gestellt wird. Aber sie sind und bleiben Sonderlinge, deren Aktivismus einem öden Kaffeekränzchen dementer Rentner gleicht. Und da der Leser ansonsten auch nur Cassies Perspektive inne hat, die zwar wacker zu ermitteln versucht, aber angesichts dieser scheintoten Gesellen kaum etwas über deren Seelenleben erfährt, vielleicht auch gar nichts erfahren möchte, weil sie sich nämlich wohlzufühlen beginnt bei ihren neuen Freunden, hilft auch der bildhafte Stil Tana Frenchs nicht über die Langeweile hinweg, die sich angesichts der 700 Seiten einstellt, auf denen nahezu nichts passiert. Im Gegenteil, hier lassen die ausufernden Beschreibungen die Geschichte nur noch zäher wirken.

Sprache ist eben nicht alles. Auch die Story muss stimmen.

Tana French
Grabesgrün
(In the Woods)
Fischer Verlag 2008, 704 Seiten, Euro 8.95

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Totengleich
(The Likeness)
Scherz Verlag 2009, 779 Seiten, Euro 16.95

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