Michael Robotham
Die Statistik des Klopapiers

Michael Robotham»Er ist auf dem besten Weg, der große neue Name in der Spannungsliteratur zu werden!«, jubelt die internationale Kritik, und: »Wie schön, dass wir einen brillanten Autor wie ihn entdecken dürfen«. Nach inzwischen fünf Romanen, die deutschsprachig vorliegen, ist es an der Zeit, sich ein eigenes Urteil über den Australier zu bilden.

Das gelingt am besten, wenn man seine Romane chronologisch liest. Es ist fürs Verständnis der einzelnen Thriller zwar nicht notwendig, aber die Geschichten entfalten auf diese Weise ihren ganz eigenen Reiz.

In »Adrenalin«, Robothams Debüt aus dem Jahre 2004, blickt der Leser durch die Augen des Psychotherapeuten Joe O’Laughlin und erlebt allerhand merkwürdige Patienten in dessen Praxis: Margaret, die sich aus Angst vor einem Einsturz nicht traut, Brücken zu überqueren, es sei denn, sie trägt eine Rettungsboje bei sich. Bobby, der von Gewalt phantasiert. Gracie, die sich vor offenen Plätzen fürchtet.
Michael RobothamIn diesen Therapeutenalltag platzt die Nachricht von Joes Arzt und bestem Freund: Joe hat Parkinson. Wie soll er diese Hiobsbotschaft seiner Frau vermitteln, die sich so sehr noch ein zweites Kind wünscht? Und welche Hilfe kann er von seinem Vater – einem angesehenen Mediziner – erwarten, der für Joes Psycho-Job nur Verachtung übrighat?
Zugleich reift in dem Therapeuten der Verdacht, sein Patient Bobby sei der Frauenmörder, den die Londoner Polizei vergeblich sucht. Mit einem Mal liegt Joes vormals geregeltes Leben in Trümmern. Jemand treibt ein perfides Spiel mit ihm, denn Detective Inspector Vincent Ruiz sieht ausgerechnet in Joe den gesuchten Killer …
Ohne Zweifel, die Geschichte ist verwirrend. Fragen über Fragen werden aufgeworfen, und die Antworten durch trickreiche Wendungen stets aufs neue widerlegt – insbesondere zum Schluß.

Michael RobothamDurch die Augen von Detective Vincent Ruiz schaut der Leser im zweiten Thriller »Amnesie« (2005). Nach einer wilden Schießerei auf einem Boot kann sich der Ermittler an nichts mehr erinnern. Was hatte er zu später Nacht auf der Themse zu suchen? Ging es etwa um die kleine Mickey, deren Verschwinden Vincent vor Jahren nicht hatte aufklären können? Was will der Mafioso Aleksej Kuzner jetzt von ihm? Und was haben die Diamanten in Vincents Wohnung zu suchen?
Er hat keine Ahnung; die Abteilung für Internes dagegen ist sich sicher, Vincent hätte die Seiten gewechselt. Mühsam versucht er, sein Gedächtnis zurückzugewinnen und seine Unschuld zu beweisen. Am Ende steht er allein auf weiter Flur – nur Joe O’Laughlin, inzwischen ein Freund von ihm, und Vincents Kollegin Alisha Barbar stehen ihm noch zur Seite.

Michael RobothamAlisha Barbar wiederum ist die Erzählerin in »Todeskampf« (2007), dem dritten Roman. Sie erhält von ihrer ehemals besten Freundin Cate eine Einladung zum Schultreffen. Doch als sie einander an jenem Abend gegenüberstehen, hat die hochschwangere Cate furchtbare Angst, ergeht sich in merkwürdigen Andeutungen – und kurz darauf stirbt sie mit ihrem Ehemann bei einem Verkehrsunfall.
Alisha kann nicht an bloßen Zufall glauben und beginnt – mit Unterstützung des inzwischen im Ruhestand befindlichen Detective Vincent Ruiz – Nachforschungen anzustellen. Dabei kommt sie einigen dubiosen Zeitgenossen in die Quere, gerät selbst unter Verdacht und ermittelt auf eigene Faust weiter. Eine Spur führt sie nach Amsterdam; auf die Fährte von Menschenhändlern, Zuhältern und illegalen Leihmüttern.

Michael RobothamIn seinen beiden aktuellen Werken »Dein Wille geschehe« (2010) und »Todeswunsch« (2011) kehrt Robotham zurück zur Perspektive des mittlerweile fortgeschritten an Parkinson leidenden Joe O’Laughlin.
Das bietet manch amüsante, im Kern aber sehr tragische Momente; wenn etwa die Arme und Beine des Psychologen unbeherrscht zu zucken beginnen und sich Beamte auf ihn stürzen, weil sie das hilflose Zappeln als einen Angriff werten. Doch Joes Kampf gegen die Krankheit ist nur eine Geschichte am Rande, ebenso wie die seiner Familie, die an der Krankheit zerbricht – und an seiner Arbeit.
Denn natürlich dreht sich bei ihm nach wie vor alles ums Verbrechen. In »Dein Wille geschehe« sogar ganz massiv, weil seine Tochter Charlie in die Fänge eines brutalen Mörders gerät.

Michael Robotham»Todeswunsch«, dieser Tage auf Deutsch erschienen, knüpft nahtlos an die Ereignisse von »Dein Wille geschehe« an. Denn Sienna, die beste Freundin von Tochter Charlie, wird verdächtigt. Aber hat sie tatsächlich ihren Vater umgebracht?
Schnell wird klar, dass viel mehr hinter dem Mord steckt. Und erneut ist alles anders als man denkt. Schön, dass der Autor dabei nicht der Versuchung erliegt, das inzwischen vielfach breitgetretene Thema Pädophilie zum Hauptmotiv seiner Geschichte zu machen; es ist vielmehr nur der Hintergrund für ein ganz anderes, nicht minder schlimmes Verbrechen. Bis O’Laughlin dem allerdings auf die Spur kommt, hat er einige Hürden – und spastische Attacken – zu überwinden. Zum Glück eilt ihm wieder Vincent Ruiz zur Hilfe.

Nun gut, den Thriller hat Robotham nicht neu erfunden; die Storylines sind bekannt: Psychologen oder Cops geraten in ein mehr oder minder blutiges Komplott, stehen schließlich selbst unter Verdacht, verlieren dabei Freunde und Familie und müssen nun verbissen ihre Unschuld beweisen.

All das hat man schon einmal gelesen, und – trotz der obligaten Verfolgsjagden, Schießereien, Schlägereien etc. – oft weitaus rasanter als bei diesem Autor. Und beim Finale übertreibt er es gern mit zusätzlichen Finten, die der eigentlichen Auflösung folgen; ein Trick, der in der Wiederholung an Reiz verliert.

Robothams Romane verdanken ihre Spannung jedoch der Erzählweise. Er erzählt nämlich nicht einfach nur eine Geschichte, sondern seine Figuren erzählen ihre Geschichte. Auch das ist natürlich nicht neu, aber er beherrscht diesen Stil sehr gut. Wenn etwa Vincent Ruiz in einem Moment höchster Verzweiflung sagt: »Ich hasse Statistiken. Irgendwo lese ich, daß der Mensch durchschnittlich fünf Komma neun Blätter Toilettenpapier nutzt, um sich den Arsch abzuwischen. Das beweist gar nichts und hilft niemandem«, dann ist das lakonisch, aber auch wütend.

Amüsant und tapfer, so wie eben jene spastischen Attacken O’Laughlins. Vor allem aber ist es verzweifelt und ehrlich. Es sind die vielen kleinen Details, mit denen dieser Autor seine Figuren liebevoll ausstattet. Dabei geht er keineswegs liebevoll mit ihnen um, sondern mutet ihnen eine ganze Menge zu.

Doch so erwachen die Figuren vor den Augen des Lesern zum Leben, er lebt und leidet mit ihnen – und sieht deshalb gerne einmal über den konventionellen Plot hinweg.

Die Bücher von Michael Robotham:
Adrenalin
(The Suspect)
Goldmann Verlag 2005, 448 Seiten, Euro 6.00
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Amnesie
(Lost)
Goldmann Verlag 2006, 448 Seiten, Euro 9.99
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Todeskampf
(The Night Ferry)
Goldmann Verlag 2008, 480 Seiten, Euro 8.95
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Dein Wille geschehe
(Shatter)
Goldmann Verlag 2010, 592 Seiten, Euro 9.99
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Todeswunsch
(Bleed For Me)
Goldmann Verlag 2011, 512 Seiten, Euro 19.99
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