Marco Kratzenberg: Schicht im Schacht
Wie blöd kann man sein?

Schicht im SchachtDie wahre Größe eines Menschen zeigt sich häufig erst nach seinem Tod – gelegentlich aber auch in seinem Tod. Hat man dieses Buch gelesen, weiß man, wie es um unsere Evolution tatsächlich bestellt ist.

Oder wie lässt es sich erklären, daß zwei Männer in volltrunkenem Zustand auf ein Zugdach steigen? Und sich dann – als wäre das noch nicht dämlich genug – tollkühn in die Nähe der starkstromführenden Oberleitung wagen? Es kommt, wie es kommen muss: ein Blitz, zwei Tote.

Von ebensoviel Intelligenz zeugt die Geschichte des besoffenen Partyheimkehrers, der sich an den Rand eines tiefen Abhangs hockt, um einem dringenden Bedürfnis nachzukommen. Dumm nur, dass er kaum noch gerade stehen kann, noch viel weniger aber knien: Er verliert das Gleichgewicht, stürzt den Hang hinunter und ertrinkt im Bach.

Unglaubliche Geschichten? Weit gefehlt!

So wie auch der Fall des 40jährigen Innsbruckers, dem sein Handy aus den Fingern rutscht und im Kanalgitter verschwindet. Selbst ist der Mann, denkt der Mann, hebt den Deckel hoch, beugt sich in den Schacht und versucht, sein Telefon zu erreichen. Er verliert den Halt, rutscht hinein, bleibt kopfüber stecken und ertrinkt in der wenige Zentimeter tiefen Pfütze am Grund.

Und dann ist da noch jener Mittdreißiger, der beim Einparken in der leicht abschüssige Garage seinen Seitenspiegel ankratzt. Um den Schaden zu begutachten, steigt er aus und geht – aus welchen Gründen auch immer – dabei hinten um sein Auto herum. Weil er aber leider vergessen hat, die Handbremse anzuziehen, setzt sich das Gefährt in Bewegung, schleift den Mann erst mit, und überfährt ihn dann.

Kurzum, die eigene Dummheit ist die Ursache bei den mehr als hundert Todesfällen, die Autor Marco Kratzenberg für sein Buch »Schicht im Schacht« ausgewählt hat. Kratzenberg kennt sich mit solchen Absurditäten aus: Er ist der Begründer der deutschsprachigen Darwin Awards, die jährlich für die spektakulärsten unfreiwilligen Todesfälle verliehen werden.
Freilich wiederholen sich auf den knapp 200 Seiten einige der Todesarten; zum Beispiel die der übermütigen Motorradfahrer, die beim Überholen die Verkehrsinsel übersehen, die ihr Zweirad hochreißen und dabei die Gewalt über ihre Maschine verlieren. Oder die der Stehpinkler, die ihre Geschäfte aus nicht nachvollziehbaren Gründen unbedingt auf Brückengeländern oder an Steilhängen erledigen wollen. Beim dritten Mal ist das nicht mehr gar so lustig.

Allerdings entschädigen so manche Perlen, denn einmal ehrlich: Wie blöd muß man als Dieb sein, wenn man plant, einen Starkstromverteilerkasten zu stehlen? Auch nicht schlecht ist der 55jährige Mann, der beim Hausputz auf eine ohnehin schon brüchige Leiter steigt – und zwar auf seinem Balkon. Er stürzt sechs Etagen tief.

Lauthals lachen muß man über den Kölner Manager, der wartet, bis seine Frau und die Kinder das Haus verlassen haben. Dann holt er sein Lederdreß aus dem Versteck, dazu eine Halskette, die er am elektrisch verstellbaren Kopfteil des Bettes befestigt. Mittels Fernbedienung läßt er das Kopfteil jetzt hochfahren, bis ihm die Luft wegbleibt; dann fährt er es wieder hinunter. Das autoerotische Spiel ist für den Mann so erregend, daß er im Eifer des Gefechts die Fernbedienung verliert – ausgerechnet, als das Kopfteil ihn gerade nach oben, nach oben, nach oben … Am nächsten Tag finden ihn Frau und Kinder erstickt im Bett.

Tja, denkt man sich da als amüsierter Leser: Manchmal erwischt es vielleicht doch die Richtigen.

Marco Kratzenberg
Schicht im Schacht
Fischer Verlag 2011, 160 Seiten, Euro 8.99

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