Friedrich Ani: Süden
Das große Schweigen

SüdenNach sechs Jahren Pause hat es den Vermisstensucher zurück nach München verschlagen. Doch auch in seinem elften Fall – Auftakt zu einer neuen Serie – zeigt er sich wenig gesprächig …

2005 reichte es ihm plötzlich: Tabor Süden, der als Kommissar beim Münchner Kriminaldezernat auf höchst eigenwillige Weise (nämlich schweigend und saufend) nach Vermissten suchte, hängte seinen Job an den Nagel. Ungezählte verlorengegangene Menschen hatte er aufgespürt, ihr Leben durchleuchten und ihr Verschwinden geklärt; nur den wichtigsten Fall, seinen persönlichsten, konnte er bis zuletzt nicht lösen: den seines verschwundenen Vaters. Als auch noch sein bester Freund Martin Heuer Selbstmord beging, stand Südens Entschluß fest. Er tauchte in Köln unter, wo er fortan in einer Altstadtkneipe kellnerte. Trauriges Ende eines genialen Hirns, möchte man meinen.

Es sei alles erzählt, was zu erzählen wäre, erklärte Autor Friedrich Ani seinerzeit die Entscheidung, seinen Ermittler nach insgesamt zehn Romanen (mit so erhellenden Titeln wie »Süden und der Luftgitarrist«, »Süden und der Mann im langen, schwarzen Mantel« oder »Süden und der Straßenbahntrinker«) in den Ruhestand zu schicken.
Doch offenbar gibt es doch noch einiges, das ungesagt blieb; denn jetzt, sechs Jahre später, ist mit »Süden« ein neuer Roman mit dem grantelnden, schweigenden Münchner Ermittler erschienen. Wieso diese unerwartete Rückkehr?

»Er kam von selber, ehrlich gesagt, schon vor zwei Jahren«, meint Ani im Interview, »aber ich musste ihn versteckt halten, weil die Umstände für sein Erscheinen ungünstig waren. Dank eines österreichischen Türaufsperrers namens H.P. Übleis konnte er jetzt endlich ins Freie gelangen«.

Hans Peter Übleis ist der Verleger des Knaur Verlags, bei dem Anis »Süden«-Werke erscheinen. Offenbar hat man dort (nachdem zwischenzeitlich das ZDF zwei der Krimis fürs Fernsehen verfilmte) das Potential einer neuen Reihe erkannt.

Wie auch immer, des Ermittlers literarische Rückkehr beginnt so: Ein Anruf seines verschollen geglaubten Vaters überrascht ihn in Köln. Offenbar ist Branko Süden in München aufgetaucht. Bevor die beiden allerdings viele Worte wechseln können, bricht das Telefonat ab.

Aufgewühlt reist der Ex-Kommissar nach Bayern. Dummerweise scheint sein Vater so schnell wieder untergetaucht, wie er erschienen ist. Wo zum Teufel steckt er jetzt? Tabor nimmt seine Spur auf – diesmal nicht im Dienst der Polizei, sondern im Zuge eines anderweitigen Auftrages für eine Privatdetektei. Ein lässiger Job, denkt er, der ihm den Unterhalt sichert und zudem genügend Zeit läßt, um nach seinem Vater zu fahnden.

Seltsamerweise führen alle Spuren ins Nichts – beziehungsweise in die Kneipen der bayrischen Landeshauptstadt, in denen Süden sich bekanntlich schon immer heimisch fühlte.
Betrunken, wie er fortan ist, fällt es ihm schwer, seiner neuen Arbeit nachzugehen. Denn da ist noch Ilona Zacherl, die die Detektive mit der Suche nach ihrem vermißten Mann Raimund beauftragt; einem unauffälligen, schweigsamen Gastwirten. Aber aufs Schweigen versteht sich auch Süden, vielleicht sogar noch besser. Denn je mehr er wortlos dasitzt, umso mehr beginnen die Leute um ihn herum zu plaudern. Und siehe da, so unscheinbar war das Leben des Raimund »Mundl« Zacherl gar nicht. Aber manche Menschen, so weiß Süden, werden ja auch erst durch ihr Verschwinden richtig sichtbar.

Was in gewisser Weise auch auf den kleinen Benedikt zutrifft, auf dessen Spur er zufällig während der Suche nach Zacherl stößt; der Bub hockt seit Tagen eingesperrt in der Wohnung, weil seine Mutter es mit ihrem neuen Freund treibt und ihren Sohn dabei vergessen hat.
Quasi nebenbei bringt Süden dem Kleinen seine Mutter zurück – und sich selbst am Ende sogar, man glaubt es kaum, den Vater.

Keine Frage, Süden hat sich in den sechs Jahren seiner Abwesenheit nur unwesentlich verändert: Er schweigt, wenn er säuft, und wenn er nicht säuft, spricht er in lakonisch kurzen Sätzen. Und es ist eine ansehnliche Sammlung bitterer Tragödien, mit denen er konfrontiert wird.

Irgendwie sind sie ja auch faszinierend, diese Dramen, obschon ein paar ausufernd erzählte Schicksale weniger dem Roman ganz gutgetan hätten. Gelegentlich schleicht sich trotz der reduzierten, knappen Sprache Anis eine gewisse Zähigkeit ein; das paßt zwar zu dem verbissen schweigenden, ständig saufenden Protagonisten, aber es zieht die Geschichte unnötig in die Länge.

Davon abgesehen ist der Roman aber eine gelungene Fortsetzung der alten und ein vielversprechender Auftakt der neuen Süden-Reihe. Band 12, »Süden und die Schlüsselkinder«, erscheint im November 2011.

Friedrich Ani
Süden
Droemer 2011, 368 Seiten, Euro 19.99

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