Lotte & Søren Hammer: Schweinehunde
Dänischer Leerlauf

SchweinehundeAngesichts der Fülle nordländischer Krimi-Novitäten sollte man meinen, die Skandinavier seien ein einzig Volk meisterhafter Spannungsautoren. Dem Debüt dieses dänischen Geschwisterpaares fehlt aber so einiges zum großen Wurf.

Am ersten Schultag werden in der Turnhalle einer Kopenhagener Volksschule die Leichen von fünf erhängten, übel verstümmelte Männern gefunden. Schon bald erfährt das Team um Kommissar Konrad Simonsen den Grund der Hinrichtung: Eine E-Mail, an hunderttausende Menschen weltweit versandt, benennt die Männer als einschlägig vorbestrafte Pädophile.

Sie sind also Opfer ihrer eigenen Opfer geworden. Damit nicht genug, entfesseln die einst Mißbrauchten nun ein wahres Medienfeuerwerk, mit dem sie nicht nur bei der Bevölkerung um Zustimmung für ihre grausame Tat heischen, sondern gleichzeitig den Druck auf die Politik erhöhen: Tut endlich was gegen diese Schweinehunde.

Keine Frage: Pädophilie ist, auch wenn sich inzwischen eine Vielzahl von Krimis und Thrillern damit beschäftigt hat, immer noch ein heikles Thema. Es gehört also einiges dazu, sich damit auf sensible Weise auseinanderzusetzen. Lotte und Søren Hammer ist dies leider völlig mißlungen.

Denn trotz aller aufklärerischen Bemühungen des dänischen Geschwisterpaares ist und bleibt ihr Debüt “Schweinehunde” ein Kriminalroman; und ein solcher hat nun einmal spannend zu sein, damit er funktioniert. Doch der Leser weiß bereits nach den ersten 50 Seiten, woran er ist, während die Ermittler für den Großteil der nachfolgenden 450 Seiten nur im Dunkeln tappen.

Okay, das könnte immer noch interessant sein, wenn die Autoren im Verlauf der Geschichte ein Bedrohungszenario für ihre Ermittler aufbauten. Aber sie lassen ihre Polizisten nur von einem Zufall zum nächsten stolpern, was sich auf Dauer einfach langweilig liest.

Zumal keine wirkliche Bezugsperson für den Leser existiert. “Schweinehunde” besteht nämlich aus aberdutzenden Erzählperspektiven, bisweilen mehreren pro Kapitel, und zwar nicht nur denen der Opfer, Kommissare, Reporter, sondern auch denen der Mörder. Man ist also nahezu in alles eingeweiht. Und als wäre das nicht genug, gibt es obendrein einen allwissenden, häufig kommentierenden Erzähler, der auch noch die letzten Geheimnisse der unzähligen Figuren ausplaudert. Das raubt der Geschichte jeden verbliebenen Rest an Spannung.

Bleibt das Thema Lynchjustiz, an dem sich beiden Autoren abarbeiten. Ist es richtig, dass Mißbrauchte das Gesetz in die eigene Hand nehmen und ihre Peiniger meucheln? Wird es dadurch rechtens, weil ein Großteil der Bevölkerung es billigt? Ein interessanter Ansatz, den Lotte und Søren Hammer zu hinterfragen versuchen – und als Inhalt einer Dokumentation, eines Sachbuchs oder anderweitigen Sekundärwerks durchaus bedeutsam.

Aber da »Schweinehunde« eben keine Dokumentation ist, sondern ein Kriminalroman sein möchte, verblaßt das ernsthafte Bestreben der Autoren komplett hinter einer durchweg fad erzählten Story. Die ausschweifend geschilderten Greueltaten – ohne die kein Kriminalroman heutzutage mehr auskommt – wirken da nur noch kontraproduktiv. Bluttriefende Details mögen einen Sinn ergeben, wenn sie Bestandteil einer gut funktionierenden Spannungsgeschichte sind; in »Schweinehunde« dagegen widern sie meist nur an, weil sie sich als ein billiges Mittel zum Zweck entlarven.

Kurzum: Sensibilisierung für ein Thema sieht anders aus. Und ein Kriminalroman erst recht.

Lotte & Søren Hammer
Schweindehunde
(Svinehunde)
Droemer 2011, 500 Seiten, Euro 16.99

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