Vier Minuten Meine Recherchen zu I don't have a gun. Die Lebensgeschichte des KURT COBAIN führten mich im Sommer 2010 an die US-Westküste, wo ich von Los Angeles über Hoqiuam und Aberdeen bis Seattle den Spuren Kurt Cobains folgte.
Wie allgegenwärtig das musikalische Ausnahmetalent auch fast 20 Jahre nach seinem Tod in seiner Heimat noch ist, wie stolz die Menschen dort bis heute auf »ihren« Sänger sind, und was ich sonst noch alles erlebte - davon möchte ich hier in Wot und Bild erzählen. (Ein Klick auf die Bilder öffnet eine vergrößerte Ansicht.)

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Souvenirs in Los AngelesAuftakt unserer Reise waren San Diego und Los Angeles.
In L. A. hat Kurt Cobain wiederholt einige Zeit verbracht – zum ersten Mal im Frühjahr 1991 für die Aufnahmen zum Album »Nevermind«.
Noch heute findet man in Los Angeles vielfach Kurts Spuren. So gibt es zum Beispiel in der ganzen Stadt nicht einen Souvenirshop, der keine Nirvana-T-Shirts, Nirvana-Kalender oder Souvenirs in Los AngelesNirvana-Poster verkauft.
Aber das war längst nicht alles, was wir entdeckten ...

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Ein Souvenirshop am Hollywood Walk of Fame schoß - die Nirvana-Devotionalien betreffend - den Vogel ab. Dort gab es tatsächlich eine singende Kurt Cobain-Puppe. Das alleine war schon strange genug.
Souvenirs in Los Angeles Doch man beachte die Umgebung, in die der Ladenbesitzer die Kurt-Figur platziert hat: Daneben stehen der blutrünstige Jason Voornees aus »Freitag der 13«, der Psychopath Jigsaw aus »Saw«, das Tentakelwesen aus »Fluch der Karibik«, das Monster aus »Frankenstein«, das Phantom der Oper, der gruselige Eric Draven aus »The Crow«. Alle miteinander die Protagonisten makaberer Horror- und Gruselfilme.
Wenn das nicht bizarr ist, was dann?

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Welcome to Hoquiam»Welcome to Hoquiam« - ein 9.000 Seelen-Kaff im Bundesstaat Washington, im äußersten Nordwesten Amerikas, wo Wendy und Donald Cobain ein Häuschen fanden, kurz bevor ihr Sohn Kurt das Licht der Welt erblickte. Wie das benachbarte Aberdeen verdankt auch Hoquiam seine Existenz der Holzindustrie. Aber das ist schon lange her.
Heute ist Hoquiam eines dieser traurigen Nester, von denen es hunderte in den USA gibt. Man hat den Ort schon durchquert, bevor man überhaupt begriffen hat, dass man angekommen ist.

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Aberdeen Avenue Die Gegend in und um Hoquiam herum mag aber noch so trostlos sein, eines geht bei den Amis trotzdem immer: Patriotismus. Manchmal hatte ich den Eindruck, es ist das einzige, was sie haben.
In der Aberdeen Avenue in Hoquiam verbrachte Kurt die ersten Monate seines Lebens.

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Aberdeen Avenue Das ist es also, das Haus in der Aberdeen Avenue, in dem Kurt Cobain die ersten Monate seines Lebens verbracht hat. Keine Ahnung, was ich erwartet habe, als ich endlich vor der Hütte stand. Ein erhebendes Gefühl? Vielleicht.
Aber bei dem Anblick dieser winzigen Holzhütte, die im Hinterhof einer anderen, nur unwesentlich größeren Holzhütte liegt, wird eigentlich nur die Armut deutlich, mit der die junge Familie Cobain 1967 zu kämpfen hatte. Wenig überraschend, dass Kurts Vater Don damals feststellte: »Wahrscheinlich ist das hier der deprimierendste Flecken an der ganzen Westküste.«

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AberdeenDirekt an Hoquiam grenzt Aberdeen, in das Wendy und Don Cobain wenige Monate nach Kurts Geburt zogen. Auch hier hatte die Holzfällerei 1967 schon die besten Zeiten hinter sich. Seitdem hat sich der Ort nicht mehr erholt.
Die Hauptstraße ist – wie in so vielen anderen Städten Amerikas – eine breite Durchgangsstraße, zu deren beiden Seiten sich leere, verfallende Geschäftsgebäude aneinanderreihen.

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Aberdeen »Weiße Armut, die auf Mittelschicht macht«, war viele Jahre später Kurts Kommentar zu der Gegend rund um das Haus in der 1210 East 1st Street in Aberdeen, das seine Eltern wenige Monate nach seiner Geburt bezogen.
Erstaunlich, wie allgegenwärtig der Musiker hier auch 20 Jahre nach seinem Tod noch ist. Kaum stand ich vor dem Gebäude links, in dem Kurt bis zur Scheidung seiner Eltern lebte, kam schon die Nachbarin auf die Straße und fragte mich, ob ich denn ein Kurt Cobain-Fan sei. Offenbar klappern noch immer viele Menschen Kurts Lebensweg ab. Und noch bevor ich ihre Frage bejahte, berichtete mir die ältere Dame, wie Kurt damals als Kind mit seiner Trommel die Straße hoch- und runtermarschiert ist ...

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Young Street BridgeKeine 500 Meter von der 1210 East 1st Street in Aberdeen führt die Young Street Bridge über den Wishkah-River. Unter dieser Brücke, so wird erzählt, verbrachte der 17-jährige Kurt die Nächte, nachdem er sich von seiner Mutter unverhofft auf die Straße gesetzt sah. Ich habe Zweifel an dieser Geschichte, die ich auch in meinem Buch zu widerlegen versuche.
Heute trägt die Brücke ein Schild: »In Memoriam – From The Muddy Banks of The Wishkah« - das ist der Titel des posthum veröffentlichten Nirvana-Albums.

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Young Street BridgeDer Steinpfeiler der Young Street Bridge ist über und über mit Kurt Cobain-Grafittis verziert. Selbst im Lehmboden haben sich Nirvana-Fans verewigt.

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In unmittelbarer Nachbarschaft zur Young Street Bridge hat die Stadt Aberdeen ein Memorial in Gedenken an ihren berühmtesten Sohn angelegt.
Riverfront Park Ganz ehrlich? Dieser kleine Park, der ein großes Schild, eine steinerne Gedenkplatte im Erdreich sowie einen rostigen Mülleimer mit den Insignien KC umfasst, ist das einzig Sehenswerte, was der Ort zu bieten hat. Wen wundert's, dass sich Kurt hier Zeit seiner Jugend unwohl gefühlt hat.

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404 North Michigan StreetIn diesem blassen, schäbigen Holzhaus (re.) in der 404 North Michigan Street in Aberdeen befand sich die erste eigene Wohnung, die Kurt sich mit seinem Kumpel Jesse Reed im Sommer 1985 teilte, ein winzig kleines Einzimmerappartement im ersten Stock, das die beiden Jungs in rosaroten Farben strichen, mit Liegestühlen, Dreirädern und anderem Kram möbilierten, den sie aus den Gärten der Umgebung klauten. Mit Seife schmierte Kurt ans Fenster: »Satan regiert«. Und: »666«. Daneben ließ er an einer Henkersschlinge eine Gummipuppe baumeln.
Aber davon ist heute natürlich nichts mehr zu sehen.

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1000 1/2 East Second StreetHatte ich in den letzten Tagen tatsächlich behauptet, jeder in Hoqiuam oder Aberdeen hätte sich erfreut gezeigt über die Fans, die auf der Suche nach Kurts Lebensweg sind? Nun, nicht wirklich alle.
Als ich zum Beispiel auf dem Grundstück 1000 1/2 East Second Street in Aberdeen vergeblich das kleine Haus suchte, in dem Kurt bis zu seinem Umzug zu seiner damaligen Freundin Tracy Marander nach Tacoma lebte, und deshalb die junge Bewohnerin in dem kleinen Häuschen (vorne im Bild) fragte, reagierte sie genervt. Das würden sie ständig Leute fragen, beschwerte sie sich, aber die Hütte habe auf ihrem Hinterhof gestanden – und jetzt sei sie schon seit Jahren abgerissen. Sonst noch Fragen?

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An der East Wishkah Street in Aberdeen gibt es auch nach 30 Jahren noch Rosevear's Musik Center, wo Kurts Onkel seinerzeit für 125 Dollar eine gebrauchte E-Gitarre von Lindell und einen alten Zehn-Watt-Verstärker erwarb. Der Grundstein für Kurts musikalischen Werdegang war damit gelegt.
Rosevear's Music Center Rosevear's Music Center Direkt vor dem Geschäft erinnert ein kunstvoll verzierter Baumschutz an Aberdeens berühmtesten Sohn ...

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SeattleVon Aberdeen führte uns die Reise nach Seattle, für mich eine der schönsten Städte Nordamerikas. Hier mischen sich Alt und Neu auf hinreißende Weise, und manchmal ist der Blick von der Space Needle - wie die Monorail ein Expo-Relikt - frei bis hin zum Mount Rainier.
SeattleSeattle Kein Wunder, dass sich solch musikalische Genies wie Jimi Hendrix oder Kurt Cobain von Seattle angezogen fühlten. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Kulturen – und außerdem die Heimat von Starbucks. Der Gründungsladen im Hafenviertel trägt noch das alte, inzwischen weltweit verpönte Logo:
Seattle Das einer barbusigen Dame!

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br> SeattleAm 19. Januar 1994, fast auf den Tag genau einen Monat vor seinem 27. Geburtstag, erwarb Kurt für sich, seine Frau Courtney Love und Tochter Frances Bean das 700 Quadratmeter umfassende Blaine-Anwesen am 171 Lake Washington Boulevard East im Seattler Nobelviertel Blaine. Das riesige Grundstück wurde dominiert von einer 1902 errichteten Villa mit fünf offenen Kaminen und fünf Schlafzimmern. Die Fenster in der Vorderfront des Hauses offenbarten einen wunderbaren Blick auf den Lake Washington. Der Kaufpreis der Villa betrug 1,3 Millionen Dollar.
Nicht einmal zwei Monate später wurde Kurt in den Zimmern über der Garage tot von einem Handwerker aufgefunden.

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SeattleIn direkter Nachbarschaft des Blaine-Anwesens liegt der Viretta-Park, den Nirvana-Fans zu »Kurts Park« umbenannt haben.

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In »Kurts Park«, in direkter Nachbarschaft zum Blaine-Anwesen, stehen zwei Holzbänke, die von den Fans immer wieder mit Ritzereien und Kritzeleien verziert werden.
SeattleSeattle »It's better to burn out than fade away«. »Rest in Peace Kurt«. Oder: »Thank you for the music«.



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SeattleIn Seattle selbst sind kaum noch Spuren von Kurt Cobain zu finden. Als wir allerdings im Juli 2010 in der Stadt unterwegs waren, begegnete er uns an nahezu jeder Häuserecke, denn im Seattle Art Museum fand eine Cobain-Ausstellung statt.
Eine Menge Künstler hatten sich Gedanken zum Phänomen Kurt Cobain und Nirvana gemacht. Das Ergebnis war leider nur ziemlich viel kruder Kram, seltsam sinnlos oder abgedreht.
Naja, Kurt hätte es bestimmt gefallen. Aber ein bisschen mehr Einsicht in Leben und Werk des Ausnahmemusikern hatten wir uns von der Ausstellung schon erhofft.
SeattleSeattle

Ein Reisebericht
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